Fachkräftemangel 2021: Die aktuelle Situation

Desiree Haselsteiner
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09. Februar 2021 Lesezeit 10 Minuten
Alle sprechen darüber, aber wie ernst ist die Situation wirklich? Wir haben nach Zahlen und Fakten gesucht, um zu überprüfen, wie die Lage in Österreich und Deutschland derzeit aussieht. Wo stehen wir 2021 hinsichtlich des Fachkräftemangels? Die Antworten, die wir gefunden haben, finden Sie in diesem Blogbeitrag.

Inhalt

    Seit März 2020 ist kaum etwas so, wie es einmal war. Ein Thema verliert im Recruiting aber auch jetzt nicht an Bedeutung: der Fachkräftemangel. Wie ernst ist die Lage nach fast einem Jahr Pandemie? Was steckt dahinter? Hat die Corona-Krise die Situation auf dem Arbeitsmarkt verändert? Und: Wie sollte man als Arbeitgeber* reagieren? Wir haben recherchiert, wie die Situation Anfang 2021 wirklich aussieht.

    Zunächst wollen wir aber erst einmal genauer klären, was mit dem vieldiskutierten Fachkräftemangel gemeint ist.

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    Was versteht man unter Fachkräftemangel?

    Vom Fachkräftemangel spricht man, wenn eine bedeutende Anzahl von Arbeitsplätzen nicht besetzt werden kann, weil die Zahl der geeigneten bzw. ausreichend qualifizierten Kandidaten auf dem Arbeitsmarkt zu gering ist

    Das ist übrigens nicht das gleiche wie ein Arbeitskräftemangel – bei dem die Nachfrage das Angebot an Arbeitskräften grundsätzlich übersteigt. Beim Fachkräftemangel fehlen vor allem Arbeitskräfte mit einer bestimmten Qualifikation. Es sind bestimmte Branchen, Berufe und Regionen stärker betroffen als andere. 

    MINT-Spezialisten sind gefragt

    So mangelt es beispielsweise durch mehrere Faktoren in MINT-Berufen enorm an Fachkräften. Es handelt sich dabei um Berufe, für die meist eine umfangreiche, jahrelange Ausbildung nötig ist. Und Branchen, die nach wie vor eher wenige Frauen anziehen. Beides trägt zum Mangel an Fachkräften bei. 

    Zudem erfordern Jobs in MINT-Berufen oft einen hohen Grad an Spezialisierung. Dafür ist nicht nur eine fundierte Ausbildung erforderlich, sondern auch einige Jahre an Arbeitserfahrung. Die jeweiligen Arbeitgeber dieser Fachkräfte wissen inzwischen um die Bedeutung ihrer Mitarbeiter und binden sie oft über viele Jahre.

    Fachkräftemangel in vielen Branchen
    Es gibt eine Reihe von Branchen & Berufen, die bereits mit dem Fachkräftemangel kämpfen.

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    Welche Branchen sind besonders betroffen?

    Wie bereits erwähnt, sind werden vor allem Fachkräfte in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik dringend gesucht. Laut einer aktuellen Statistik werden bis zum Jahr 2031 rund 288.000 Stellen im MINT-Bereich in Deutschland unbesetzt bleiben.

    Am eindrücklichsten ist der Mangel aktuell in der IT zu sehen – dort blieben im vorigen Jahr 86.000 Stellen offen (Stand: Ende 2020). Laut einer Befragung fanden 70% der deutschen Unternehmen, dass es einen Mangel an IT-Fachkräften gibt. Das weist eindeutig darauf hin, dass bei einer größeren Anzahl an vorhandenen Fachkräften sogar noch mehr Stellen besetzt werden könnten.

    Tipp
    Wir haben für unseren Blog eine Expertin gefragt, wie man auch heute noch erfolgreich IT-Fachkräfte rekrutieren kann. Ihre Antworten & Tipps finden Sie hier.

    Betroffen sind aber nicht nur MINT-Berufe, sondern auch viele andere, wie z.B. die Bau-, Handwerks- und Gesundheitsbranche: Eine Studie des Institutes der Deutschen Wirtschaft hat ergeben, dass 2018 in Deutschland bereits in rund 400 Berufen qualifiziertes Personal fehlte. Laut Studie sind vor allem drei Berufsfelder betroffen:

    1. Berufe, die traditionell von Männern bzw. von Frauen ausgeübt werden.
    2. Männertypische Berufe im gewerblich-technischen sowie naturwissenschaftlichen Bereich (z.B. im Tiefbau, in der Ver- & Entsorgung).
    3. Frauentypische Berufe im Gesundheitsbereich (z.B. Altenpflege).

    Enorm war der Bedarf schon vor der Corona-Pandemie in Pflegeberufen: In Deutschland wurde dieser mit ca. 376 000 offenen Stellen beziffert. Bis 2035 wird diese Zahl geschätzt auf knapp 500 000 Stellen anwachsen. In Österreich warnte die Diakonie im Oktober 2020, dass 2030 voraussichtlich 24.000 Fachkräfte in der Pflege fehlen werden. Das ist eine rasante Entwicklung – der eine geringe Attraktivität des Berufsfeldes aufgrund einer hohen Belastung und vergleichsweise niedriger Gehälter gegenüber steht.

    Nun hat sich die Situation durch die Corona-Krise erneut verschärft (wie z.B. das Deutsche „Handelsblatt“ berichtet) – u.a. weil derzeit kaum Mitarbeiter aus dem Ausland rekrutiert werden können. Auch Schulungen bzw. Weiterbildungsmaßnahmen sind seit letztem Frühjahr nur erschwert möglich und wurden häufig abgesagt oder verschoben.

    IT Fachkräfte sind Mangelware
    In der IT-Branche ist der Mangel an Fachkräften besonders stark spürbar.

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    Der Fachkräftemangel in Österreich

    In Österreich bedeutet der Fachkräftemangel eine enorme Herausforderung für die Wirtschaft: Aus einer Erhebung des ibw (Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft) geht hervor, dass trotz der „Corona-Krise“ 81% der befragten österreichischen Unternehmen zumindest leicht am Fachkräftemangel zu leiden haben. Besonders alarmierend: 35% der Unternehmen gaben an, sehr starke Auswirkungen zu spüren. Dabei hat sich laut der ibw-Befragung die Situation trotz der aktuellen Pandemie zum Vorjahr nur leicht verbessert. (Wert 2019: 88%)

    Laut dieser Studie hat der Fachkräftemangel in österreichischen Unternehmen vor allem Auswirkungen auf die Firmenchefs und Mitarbeiter, die einer höheren Arbeitsintensität und Überstunden ausgesetzt sind. Folgen sind auch bei der Personalsuche sichtbar, da der damit verbundene Aufwand sowie die Kosten gestiegen sind.

    Qualität & Quantität haben abgenommen

    59 % der befragten Unternehmen geben an offene Stelle zu haben, die mit Fachkräften besetzt werden müssten.

    Besonders betroffen sind folgende Branchen:

    • Handwerksberufe (47 %)
    • IT-Berufe (21 %) 
    • Gastgewerbe (17 %)
    Fachkräftemangel in Pflegeberufen
    Auch in Pflegeberufen werden Fachkräfte händerringend gesucht.

    Ost-West-Gefälle in Österreich

    Der Fachkräftemangel stellt zwar in allen Bundesländern eine Herausforderung für Recruiter und HR Manager dar – aber es gibt doch erhebliche regionale Unterschiede: Es gibt ein starkes Ost-West-Gefälle auf dem österreichischen Arbeitsmarkt. Besonders in den Vorarlberg und Tirol gibt es einen enormen Bedarf an Fachkräften. In Wien sieht die Situation im Vergleich deutlich besser aus – wobei auch hier mehr als die Hälfte der mittelständischen Unternehmen über Probleme bei der Rekrutierung von Fachkräften klagt (laut Mittelstandsbarometer Österreich 2020).

    Die Coronavirus-Pandemie hat die Situation im Westen Österreichs eher verschärft: Laut der Wirtschaftskammer Vorarlberg ist es nun für viele Branchen noch schwerer geworden, offene Stellen zu besetzen. Jedes fünfte Unternehmen im „Ländle“ findet derzeit nicht die benötigten Mitarbeiterinnen – vor allem in den Sparten Gewerbe, Handwerk und Industrie.

    Die Situation in Kärnten

    Neben den westlichen Bundesländern ist in Österreich auch Kärnten besonders stark vom Mangel an Fachkräften geprägt: Ein Viertel aller im Bundesland ansässigen Industriebetriebe soll betroffen sein. Und die Prognosen sehen nicht gut aus – denn laut einer Umfrage weitet sich der Mangel in den nächsten Jahren auf 80 % der industriellen Unternehmen aus. Die Wirtschaftskammer rechnet mit 10.000 Facharbeitern, die in den nächsten sechs bis acht Jahren in Kärnten fehlen werden.

    Allgemein steht es laut Experten nicht gut um den Kärntner Arbeitsmarkt in den nächsten Jahren: Aufgrund der hohen Abwanderung könnten laut Schätzungen bis 2050 nicht weniger als 42.000 Erwerbstätige im Bundesland fehlen. In den kommenden Jahren ist zudem mit einer großen Pensionierungswelle zu rechnen, da hier besonders geburtenreiche Jahrgänge das Zepter an die junge Generation weitergeben.

     
    „Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um einen Talent Pool aufzubauen.“
    Claudia Lorber Recruiting Strategin & Bloggerin

    Es wird wieder eingestellt

    Wie hat nun Corona insgesamt auf den österreichischen Arbeitsmarkt gewirkt? Nach einer ersten Schockstarre lässt sich nun sagen: Die Talente-Jagd geht weiter! Bereits im Juni 2020 zeigte eine Studie, dass 27 % der Recruiter sogar gezielt jene Kandidaten ansprechen wollen, die durch Kurzarbeit oder Kündigungswellen frei oder wechselbereit(er) geworden sind.

    An dieser Stelle interessant: Während zu Beginn der Krise die Wechselwilligkeit von Fachkräften eher zuzunehmen schien, ist diese im Sommer 2020 schon deutlich zurückgegangen: Eine Umfrage von karriere.at zeigte, dass im Juli 2020 knapp zwei Drittel der Befragten aufgrund der wirtschaftlichen Situation eher weniger wechselbereit waren.

    Dennoch macht es absolut Sinn, sich jetzt als Recruiter nicht zurückzulehnen: Es lässt sich sagen, dass 2020 viel Bewegung in den Arbeitsmarkt gekommen ist. Nun besteht die Chance, freigewordene Fachkräfte zu gewinnen – gerade in Branchen, die es besonders schwer haben.

    Auch im Bereich Employer Branding sollten Sie jetzt nicht sparen: Wer sich in Krisenzeiten als verantwortungsbewusster, loyaler Arbeitgeber präsentiert, wird davon nachhaltig profitieren. Darin waren sich gleich mehrere Experten sicher, die wir zuletzt interviewt haben (z.B. hier und hier).

    Tipp
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    Wird sich der Fachkräftemangel weiter verschärfen?

    Es ist anzunehmen, dass sich die Situation in den nächsten Jahren weiter zuspitzen wird. Ein Grund dafür ist die demographische Entwicklung. So wird es in naher Zukunft aufgrund der aktuell vorherrschenden Altersstrukturen zu vielen Pensionierungen kommen. Die “Babyboomer” – also Menschen, die zu jener Generation gehören, die in einer Zeit steigender Geburtenraten nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde (1955-1969) – verlassen den Arbeitsmarkt wieder.  Zugleich nimmt die Zahl der Menschen im Berufseinstiegsalter ab

    Betrachtet man etwa die Anzahl der 20-60-Jährigen in Österreich, so ist abzusehen, dass diese Zahl – nach dem Langzeithöhepunkt im Jahr 2018 mit 5.046.071 Personen – bis zum Jahr 2030 um nicht weniger als 250.000 Menschen sinken wird (4.788.470 Personen). Hier ist die Zu- und Abwanderung bereits eingerechnet. Denn ohne den Faktor Zuwanderung würden uns insgesamt 400.000 Menschen im arbeitsfähigen Alter abgehen. 

    Arbeitskräfte werden weniger

    Besonders stark betroffen davon ist, wie bereits erwähnt, Kärnten. Die Prognose des ibw sagt bis 2030 ein Minus von 12 % für die Zahl der 20-60-Jährigen im Bundesland voraus. Kurios: Wien ist das einzige Bundesland, in dem die Anzahl der arbeitsfähigen Bewohner sogar steigen soll – wenn auch nur um 1 %.

    Die logische Schlussrechnung ist einfach: Die Anzahl der erforderlichen Stellen wächst, während kontinuierlich weniger Menschen da sind, um sie besetzen. Und besonders betroffen davon sind Stellen, die besondere fachliche Ausbildung erfordern.

    Digitalisierung schafft neue Jobs
    Neue Technologien müssen auch richtig bedient werden. Die Digitalisierung wird viele neue Arbeitsplätze schaffen.

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    Die Suche nach Lösungen

    Zunächst müssen wir Sie enttäuschen: Die eine Lösung für den Fachkräftemangel gibt es nicht. Die Meinungen über sinnvolle Maßnahmen gehen bei so einem komplexen Problem natürlich auch auseinander. Ein paar interessante Ansätze und positive Perspektiven möchten wir hier aber noch erwähnen: 

    Digitalisierung als Chance begreifen

    Auch wenn das Thema Digitalisierung bei vielen Menschen eher Ängste – vor dem Neuen & Unbekannten – auslöst: Neue Technologien werden auch neue Arbeitsplätze schaffen. So schnell wird Ihnen kein Roboter den Job wegnehmen. Davon sind wir noch sehr weit entfernt. Stattdessen werden Ihnen digitale Tools – zu denn auch eRecruiter gehört – den Berufsalltag erleichtern. Und wir werden mehr und mehr Menschen brauchen, die in der Lage sind, mit den neuen Technologien auch umzugehen. 

    Zuwanderer willkommen heißen

    Ein weiterer Lichtblick ist – und das ist immer noch wenigen bewusst – die Zuwanderung von Fachkräften. Es gilt, hier entsprechende Anreize zu schaffen und das Bewusstsein in der Bevölkerung für die Bedeutung der Integration von gut ausgebildeten Zuwanderern weiter zu schärfen. Auch der Gesetzgeber ist gefragt: Für kleine und mittelständische Unternehmen ist manchmal immer noch sehr herausfordernd, Personal – v.a. aus dem Nicht-EU-Ausland – zu akquirieren.

    Mädchen für MINT Berufe begeisterb
    Es gilt, junge Mädchen für MINT-Berufe zu begeistern und Frauen gezielt zu fördern.

    Frauen motivieren & fördern

    Eine besonders wichtige Rolle werden künftig auch Frauen spielen: Hier gibt es noch viel ungenutztes Potenzial. Die Gründe dafür sind vielfältig: So wagen sich Fragen nicht nur ungern in Männerberufe vor, sondern bewerben sich oft auch unter ihrem Qualifikationsniveau (im Gegensatz zu Männern). Zusätzlich bilden unflexible Arbeitsmodelle einen Stolperstein für Frauen auf dem Arbeitsmarkt. Es gilt also Frauen noch mehr zu motivieren und ihnen Aufstiegschancen zu bieten. Recruiting sitzt an einer Schlüsselposition, um Diversität in Unternehmen zu fördern.

    So oder so gilt: Angst und Panik bringen hier nicht weiter. Es gibt viele Maßnahmen, die Unternehmen heute angehen können, um auch in Zukunft Fachkräfte zu finden. Mag sein, dass die Zeiten vorbei sind, wo es nur galt, eine Stellenanzeige zu posten und sich für jemanden zu entscheiden. Aber jede Veränderung birgt auch positive Chancen. Wer sie entdeckt und nutzt wird dafür belohnt werden. Bleiben Sie also zuversichtlich!

     
    „Wer wirklich etwas Gutes zu bieten hat – der braucht nicht in Panik zu verfallen.“
    Stefan Dietz Unternehmer, Autor & Arbeitswelt-Gestalter

    Fazit

    Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Der Fachkräftemangel ist real und das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Das stellt Recruiter und HR Manager vor neue Herausforderungen.
    Aber wer diesen kompetent, lernwillig und kreativ begegnet hat auch künftig die Chance, die passenden Talente für sein Unternehmen zu gewinnen. Öffnen Sie sich also am Besten für Veränderungen, die unvermeidlich sind. Unternehmen, die rechtzeitig reagieren, können sich diesen Vorsprung zu nutze machen.

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    * Um unsere Texte möglichst lesefreundlich zu gestalten, verzichten wir darin auf die gleichzeitige Verwendung von männlichen und weiblichen Sprachformen. Dennoch ist uns wichtig, dass sich alle von uns angesprochen fühlen. Daher verwenden wir die männliche und die weibliche Form im Wechsel. Damit sind immer alle anderen Formen gleichermaßen mitgemeint.

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