Erfolg­reich IT-Fach­kräf­te rekrutieren

Melanie Müller
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18. Dezember 2019 Lesezeit 7 Minuten
Wie gelingt das erfolg­rei­che Recrui­t­ing von IT-Spe­zia­lis­ten? Wor­auf legen sie wert? Womit kann man sie über­zeu­gen? Wir haben eine Exper­tin um Ant­wor­ten auf die­se und ande­re Fra­gen gebe­ten: Cari­na Wolf, Mana­ging Direc­tor & Talent Acqui­si­ti­on Spe­cia­list bei CLC Digital.

Inhalt

    Die IT-Bran­che treibt den meis­ten Recrui­tern die Schweiß­per­len auf die Stirn. IT-Fach­kräf­te sind beson­ders schwer zu fin­den, offe­ne Stel­len kaum zu beset­zen. In Deutsch­land gibt es — so der IT-Bran­chen­ver­ban­des BIT­KOM — cir­ca 55.000 offe­ne Stel­len für IT-Spe­zia­lis­ten. In Öster­reich spricht man von 5.000−10.000 feh­len­den Arbeits­kräf­ten. Also was tun?

    Wir haben eine gefragt, die es wis­sen muss: Cari­na Wolf ist spe­zia­li­siert auf das Recrui­t­ing von IT-Fach­kräf­ten. Im Inter­view hat sie uns ver­ra­ten, was dabei wich­tig ist. 

    Recruiterin Carina Wolf
    Sie weiß, wie man erfolgreich IT-Spezialisten rekrutiert: Carina Wolf

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    Interview mit Carina Wolf: Die Situation auf dem Arbeitsmarkt

    eRecruiter: Wie sieht die Lage aus Ihrer Sicht in der IT-Bran­che zur Zeit aus? Ist die Situa­ti­on wirk­lich so dramatisch?

    Carina Wolf: Dra­ma­tisch ist ein gro­ßes Wort. Aber ja — es gibt defi­ni­tiv zu wenig ver­füg­ba­re Arbeits­kräf­te am Markt und es ist schwie­rig, offe­ne Stel­len zu beset­zen. Wobei es sich Unter­neh­men auch leich­ter machen könn­ten, indem sie sich vor­ab eini­ge Fra­gen stel­len: Wie rea­lis­tisch ist es, den ​“Wun­der­wuz­zi” zu fin­den, der alles kann? Wo bin ich zu Kom­pro­mis­sen bereit? Wie offen bin ich für Arbeits­kräf­te aus dem Aus­land? Kann ich dem einem Top-Seni­or ein Umfeld bie­ten, das ihn lang­fris­tig hält — oder macht es Sinn, jeman­den dahin zu ent­wi­ckeln, der dann aus Loya­li­tät viel­leicht viel län­ger im Unter­neh­men bleibt? 

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    IT-Fachkräfte überzeugen: Was ist wichtig?

    Wel­che Rol­le spielt Fach­wis­sen im Recruiting von IT-Spezialisten? 

    Aus mei­ner Sicht ist das schon sehr wich­tig. IT-Spe­zia­lis­ten haben oft kei­ne Lust mit Recrui­tern zu reden, weil sie den­ken, dass wir sowie­so kei­ne Ahnung haben. Da kann man dann sehr gut punk­ten, wenn man eben doch etwas Wis­sen mit­bringt. Ich habe mir vor allem in mei­ner Zeit bei bwin Wis­sen auf­ge­baut. Dort habe ich eng mit den Mana­gern zusam­men­ge­ar­bei­tet, für die ich Fach­kräf­te gesucht habe. Ich habe mich bemüht, die ver­schie­de­nen Tech­no­lo­gi­en zu ver­ste­hen und wie sie zusam­men­hän­gen. Das wird von IT-Spe­zia­lis­ten immer wie­der posi­tiv aufgenommen.

    Was ist aus Ihrer Sicht noch wich­tig im Recrui­t­ing von IT-Fachkräften? Was macht die Ziel­grup­pe aus? 

    Ich fin­de es sehr wich­tig, auf die jewei­li­ge Per­son, die man anspricht, indi­vi­du­ell ein­zu­ge­hen. Für mich gilt: lie­ber Qua­li­tät in der Anspra­che als Mas­se! Ich erstel­le ger­ne Vide­os für inter­es­san­te Kan­di­da­ten, in denen ich einen Zusam­men­hang her­stel­le zwi­schen ihrem Pro­fil und der Posi­ti­on, die besetzt wer­den soll. Damit signa­li­sie­re ich, dass ich mich mit der Per­son auch wirk­lich aus­ein­an­der­ge­setzt habe. Das führt nicht immer dazu, dass ich jeman­den sofort rekru­tie­ren kann. Aber ich blei­be bei vie­len im Hin­ter­kopf. Ich erle­be immer wie­der, dass sich dann jemand Mona­te spä­ter wie­der bei mir mel­det, weil er nun bereit ist zu wech­seln und sich an das Video erinnert. 

    Recruiting von IT Fachkräften
    Eine individuelle Ansprache und IT-Fachwissen zeigen, dass echtes Interesse am Kandidaten besteht.

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    Active Sourcing von IT-Spezialisten braucht Zeit… und viel Empathie

    Wie­viel Zeit inves­tie­ren Sie in einen ein­zel­nen Kan­di­da­ten im Vorfeld?

    Pro Kan­di­dat cir­ca 15 Minu­ten. Ich schaue mir dann nicht nur das Lin­kedIn-Pro­fil an, son­dern recher­chie­re auch auf ande­ren Kanä­len. Ich mache mir Gedan­ken, ob jemand zu einer Rol­le pas­sen könn­te, was ihn an der Posi­ti­on bzw. Unter­neh­men rei­zen könn­te und prü­fe, ob er die ent­spre­chen­den Tech­no­lo­gi­en kennt. Wenn ich dann noch ein Video auf­neh­me kön­nen es auch ein­mal 30 Minu­ten wer­den, die ich in einen Kan­di­da­ten investiere.

    Dabei geht es wahr­schein­lich auch dar­um, Pro­fi­le von IT-Experten rich­tig ​“lesen” zu können?

    Ja abso­lut. Hier sind Empa­thie und Men­schen­kennt­nis gefragt. Ich ver­su­che dabei auch auf Klei­nig­kei­ten zu ach­ten oder mir die Inter­es­sen einer Per­son näher anzu­schau­en. Auch das kann ein Punkt sein, wo man ein­hakt. Außer­dem über­le­ge ich mir, war­um jemand wech­sel­be­reit sein könn­te. Etwa, weil er z.B. schon seit 3 Jah­ren in einer bestimm­ten Posi­ti­on ist.

    Natür­lich geht man dabei auch das Risi­ko ein, dass man eine fal­sche Annah­me trifft. Bewährt hat es sich den­noch immer — selbst wenn ich falsch lie­ge, erhal­te ich eine Ant­wort, weil einen Schritt wei­ter gegan­gen bin als die meisten.

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    Tipps vom Active Sourcing-Profi für Recruiter

    Gibt es noch etwas, dass Sie für wich­tig hal­ten, wenn es um das Recrui­t­ing von IT-Fach­kräf­ten geht?

    Ich fin­de es wich­tig, sich klar­zu­ma­chen, dass man sich in einem Ver­kaufs­pro­zess befin­det: Als Recrui­ter muss ich den Kan­di­da­ten über­zeu­gen. Dafür muss man eine ent­spre­chen­de Men­ta­li­tät mit­brin­gen. Am Ball blei­ben, nach­ha­ken und auch ein zwei­tes, drit­tes Mal anru­fen. Man­che ITler erhal­ten zig Nach­rich­ten pro Woche — da kann schon mal eine über­se­hen wer­den.

    Für vie­le Recrui­ter bedeu­tet das auch, dass sie ihre Ein­stel­lung ver­än­dern müs­sen. Mir begeg­nen immer noch genug HR-Pro­fis, die zwar hän­de­rin­gend suchen — aber nicht bereit sind, sich den neu­en Bedin­gun­gen am Arbeits­markt anzu­pas­sen. Des­halb emp­feh­le ich Unter­neh­men auch, auf die Skills ihrer Recrui­ter zu ach­ten. Sie müs­sen die­se Sales-Men­ta­li­tät mit­brin­gen und mit Begeis­te­rung Kan­di­da­ten für ihr Unter­neh­men gewin­nen wollen.

    Wie wird das in Zukunft aus­se­hen: Den­ken Sie die Lage auf dem Arbeits­markt spitzt sich noch wei­ter zu?

    Ich den­ke schon. Die Nach­fra­ge steigt wei­ter­hin. Über die Jah­re wird wohl durch zuneh­men­de Auto­ma­ti­sie­rung der Druck etwas her­aus­ge­nom­men — Unter­neh­men wer­den dadurch ins­ge­samt weni­ger IT-Fach­kräf­te benö­ti­gen. Ich sehe das aber gar nicht so dra­ma­tisch. Ich den­ke häu­fig schei­tert das Recruiting von IT-Spezialisten ein­fach an der Bereit­schaft von Unter­neh­men, auch über den Tel­ler­rand — oder Lan­des­gren­zen — zu schau­en und von Recrui­tern sich neue Skills anzu­eig­nen, um beim Active Sourcing erfolg­reich zu sein.

    Vie­len Dank für das Interview!

    Fazit

    Offene Stellen im IT-Bereich zu besetzen gehört zu den größeren Herausforderungen im Recruiting. Zum einen gibt es sehr wenige Arbeitskräfte auf dem Markt. Zum anderen gehen viele Unternehmen auch mit zu hohen Ansprüchen auf die Suche. Wer kompromissbereit und offen für Arbeitskräfte aus dem Ausland ist, tut sich leichter.

    Bei der Ansprache von IT-Fachkräften ist es entscheidend, auf Copy & Paste zu verzichten und eine individuelle Nachricht zu erstellen. Eine sympathische Videobotschaft bleibt in Erinnerung und kann den entscheidenden Vorsprung im Kampf um die besten Talents bedeuten.

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